Biologisch aktive sekundäre Pflanzenstoffe

In den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass eine pflanzliche Ernährung nicht nur zu einer Verbesserung der aktuellen Gesundheit des Einzelnen führen kann, sondern auch prophylaktische Wirkungen besitzt.

ein Artikel von Prof. Paul Walter *

 

Teil 1

Die Pflanzen produzieren neben den primären Pflanzenstoffen wie Kohlenhydrate, Fette und Proteine auch eine Reihe von sekundären Pflanzenstoffen, die bei der Pflanze für Wachstumsregulation, Farbe, und Abwehrstoffe gegen Schädlinge verantwortlich sind. Es hat sich gezeigt, dass viele dieser Stoffe auch bei Mensch und Tier eine ganze Reihe von verschiedenartigen biologischen Wirkungen besitzen. Im Gegensatz zu den Vitaminen sind die sekundären Pflanzenstoffe aber nicht essentiell für den Menschen und werden deshalb auch nicht zu den Nährstoffen gezählt. 

Viele Wirkungen von sekundären Pflanzenstoffen sind schon seit langem bekannt und konnten seither in vielen Fällen auch bestimmten Substanzen zugeordnet werden. Berühmte Beispiele sind Extrakte aus den Blättern des Ginko Baumes zur Verbesserung verschiedener Hirnfunktionen, Weissdornextrakte zur Verbesserung der Durchblutung der Herzkranzgefässe, Extrakte der Zwiebelknolle als Cholesterinspiegel-Senker, und Johanniskraut-Extrakte zur Behandlung depressiver Verstimmungen und Baldrianextrakte als Schlafmittel. Sie sind heute als Pflanzen-Extrakte auf dem Markt erhältlich. 

In den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass eine pflanzliche Ernährung (5 Portionen pro Tag!) nicht nur zu einer Verbesserung der aktuellen Gesundheit des Einzelnen führen kann, sondern auch prophylaktische Wirkungen besitzt. Eine Reihe von epidemiologischen Untersuchen haben derart deutliche Resultate über positive Korrelationen zwischen einzelnen Pflanzengruppen und der Erniedrigung des Risikos für gewisse Erkrankungen ergeben, dass der World Cancer Research Fund aber auch die meisten nationalen und internationalen Organisationen eine Einnahme von mindestens 400 g Gemüse und Früchte sowie von täglichen Rationen an Nüssen und Vollkornprodukten empfehlen. 

Ausführliche Untersuchungen haben auch ergeben, dass die Einnahme der bisher bekannten Nährstoffe Vitamine, Mineralien und Spurenelemente die Vorteile dieser erhöhten Aufnahme pflanzlicher Lebensmittel nur zum Teil ersetzen können und dass die sekundären Pflanzenstoffe offenbar selber eine entscheidenden Beitrag zur Gesundheit liefern. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass diese Tausende von sekundären Pflanzenstoffen heute in vielen Forschungslaboratorien intensiv untersucht werden. 

5 Portionen Pflanzen und Gemüse

Anerkannte Wirkungen von sekundären Pflanzenstoffen 

  • Antioxidative Wirkung 
  • Hemmung Krebsentstehung 
  • Vorbeugung gegen Herzinfarkt 
  • Cholesterin senkend 
  • Antithrombotische Wirkung 
  • Stärkung Immunsystem 
  • Entzündungshemmung 
  • Blutdrucksenkung 
  • Blutzuckerspiegel-Regulation 
  • Verdauungsfördernd 

Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, dass die sekundären Pflanzenstoffe ein riesiges Wirkungsspektrum abdecken, was ihre gesundheitsfördernde Gesamtwirkung erklärt. Es muss hier aber betont werden, dass nicht alle Pflanzen alles können, oder anders gesagt, nicht jede Pflanze enthält alle sekundären Pflanzenstoffe. Diese Ausgangslage erklärt auch, warum in der Nahrung eine Vielfalt von Pflanzen vorhanden muss, damit dieses Gesamtwirkungsbild erreicht werden kann. Dazu kommt, dass in vielen Fällen Synergismen zwischen den einzelnen Stoffen bestehen, sodass oft eine Substanz allein wirkungslos ist ohne die andere. Eine Substanz kann allein je nach Konzentration sogar schädlich sein, wenn nicht gleichzeitig auch protektive Substanzen vorhanden sind. Ein typisches Beispiel sind hier die antioxidativen Substanzen, die unter Unständen auch prooxidativ wirken können, wenn nicht die geeigneten Schutzstoffe anwesend sind, die diese unerwünschten Wirkungen begrenzen. 


Prof. Dr. P. Walter war von 1975 bis 2000 Ordentlicher Professor, Vorsteher des Biochemischen Institutes der Medizinischen Fakultät sowie Direktor des Schweizerischen Vitamin Institutes an der Universität Basel und ist seither im Ruhestand. Er befasst sich weiterhin aktiv mit aktuellen und international wichtigen Ernährungsfragen. So ist er Präsident von ILSI Europe (http://europe.ilsi.org.) und der Internationalen Stiftung zur Förderung von Ernährungsforschung und Ernährungsaufklärung (ISFE) sowie Mitglied von verschiedenen wissenschaftlichen Stiftungen, Gesellschaften und Beiräten. Nach 9 jähriger Amtszeit ist er Ende Juni 2007 bei der der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) als Präsident zurückgetreten und betreut seither spezielle Aufgaben innerhalb der Gesellschaft.