Das Geschäft mit Luft und doppeltem Boden

Der erste Eindruck zählt auch beim Einkaufen. Die Kosmetikindustrie mit ihren kleinen, aber ziemlich teuren Produkten setzt deshalb gerne auf Verpackungen, die bei flüchtigem Hinschauen mehr Inhalt vermuten lassen. 

Ein Beispiel dafür sind verschiedene Gesichtscremen der Marke Nivea. Im Inneren der zu grossen Kartonverpackung befindet sich teilweise ein doppelter Boden oder ein doppelter Deckel, der das Töpfli mit Creme trotz unnötigem Leerraum am Klappern hindert. Das sieht man allerdings erst, wenn man das Produkt gekauft und ausgepackt hat.

Den Ärger der Kunden nehmen die Unternehmen in Kauf. Die ausgeklügelten Hüllen lohnen sich trotzdem. Denn 70 Prozent der Kaufentscheide werden spontan im Laden gefällt – in der Regel wegen des Aussehens einer Ware. Kein Wunder, nutzen die Marketingexperten beim Design den rechtlichen Spielraum zuweilen maximal aus.

Der deutsche Konsumgüterkonzern Beiersdorf verteidigt sein Vorgehen bei der Nivea-Creme: «Die Oberfläche der Verpackung ist in manchen Fällen zu klein, als dass alle wichtigen Daten und Fakten darauf abgedruckt werden können», behauptet Sprecherin Elisabeth Hertkorn. Sie betont auch: «Damit sich der Kunde nicht getäuscht fühlt, sind auf den Verpackungen entweder Abbildungen des Produkts in Originalgrösse aufgedruckt, oder es sind Sichtfenster in die Schachtel eingebaut.» So ist Beiersdorf fein raus. Denn gemäss dem Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb darf die Menge einer Ware nicht verschleiert werden. Das ist hier dank diesen Tricks nicht der Fall.

 

Grosszügiger Luftanteil

In eine ähnliche Richtung wie der doppelte Boden geht die Strategie, viel Luft in den Behältnissen zu lassen. So steht zurzeit auf Calgon-Wasserenthärtern in Aktionspackungen «Plus 20 Prozent Extra» auf der Hülle. Doch ein zweiter Blick zeigt, dass der Karton nur etwa zur Hälfte gefüllt ist.

Ist das rechtens? «Man geht davon aus, dass der Luftanteil nicht mehr als 30 Prozent des Verpackungsinhalts betragen sollte», sagt Guido Sutter vom Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. «Allerdings kann im Einzelfall ein grösserer Freiraum produktbedingt oder produktionstechnisch unumgänglich sein.» Das heisst, dass eine Verpackung nicht anders hergestellt werden kann oder dass das Produkt aus bestimmten Gründen mehr Luft in der Hülle benötigt. Und was steht auf dem Calgon-Karton? «Die Grösse der Aktionspackung ist produktionstechnisch bedingt.»

Das Problem ist, dass in der Schweiz keine klare Regelung existiert, was noch erlaubt ist und was nicht mehr. «Der zulässige Luftanteil ist in keinem Rechtserlass festgelegt», sagt Guido Sutter. «In einem Streitfall läge es am angerufenen Gericht, zu klären, ob eine Mogelpackung vorliegt.» Eine Mogelpackung steht für unlautere Täuschung des Kunden und wäre verboten.

 

Versteckte Preiserhöhungen

Eine weitere kreative Idee dafür, den Konsumenten mehr Geld abzuknöpfen, sind Verpackungen, die überarbeitet werden und danach weniger beinhalten als vorher. Anfang Jahr enthüllte die Verbraucherzentrale Hamburg, dass der US-Konzern Procter&Gamble seit Jahren immer wieder die Anzahl Windeln in einer Pampers-Verpackung reduziert. Auch in der Schweiz enthält beispielsweise ein Pack Pampers Baby-Dry Grösse 4 seit kurzem nur noch 42 statt 46 Stück. Der Detailhandel bietet die Packungen zwar um einen Franken günstiger an als vorher, eine einzelne Windel kostet nun aber de facto 45 statt 43 Rappen. Procter&Gamble begründet den jüngsten Aufschlag mit Produktverbesserungen.

Der Trend zu Minipackungen und Portionsbeuteln bedeutet oft nichts anderes als versteckte Preiserhöhungen. In einer Grosspackung kostet das gleiche Produkt in derselben Menge in der Regel weniger. Firmen profitieren hier vom gesellschaftlichen Wandel hin zu immer mehr Einzelhaushalten.

Fakt ist aber: Versteckte Preiserhöhungen mögen zwar ärgerlich sein, man kann sie einem Unternehmen jedoch nicht verbieten.

 

Zuverlässig ist nur Grundpreis

Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz rät allen, die sich nicht manipulieren lassen wollen, auf den Grundpreis eines Produkts zu achten. «Wir setzen uns dafür ein, dass er klar und gross genug angeschrieben ist.» Ansonsten kann der Konsumentenschutz gegen die vielen beschönigenden Hüllen wenig ausrichten: «Wir haben nicht die Ressourcen dafür, alle zu erfassen und anzuprangern.» In besonders krassen Einzelfällen würden Unternehmen aber darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Verpackungen viele Konsumenten verärgerten. Hier liegt die grösste und fast einzige Macht der Kundinnen und Kunden: Sie können aus Protest auf die Ware einer Firma verzichten.

 

Quelle: Berner Zeitung vom 02.07.2014

Füllstand

Nur zur Hälfte gefüllt: Die gelbe Linie auf der Calgon-Packung zeigt deren Füllstand an. Das sei «produktionstechnisch bedingt».

 

Bild: Beat Mathys